Münsterturm: Neues Kunst-Projekt

27. July 2015

„Es ist eine Hommage, eine Liebeserklärung an die Leute, die seit 1377 am Münster und seinem Turm bauen und die es heute noch tun.“ So beschreibt Ralf Milde die Idee seiner Kunst-Aktion zum Münsterturm-Jubiläum. Der freie Kulturschaffende will damit das Münster unterstützen – und zugleich dem Turm, „der kein Gesicht hat“, eines verleihen.
Milde wird ab August auf dem Judenhof den Turm „noch einmal bauen“, aber nicht mit Steinen und nur im verkleinerten Maßstab 1:10. So wird der Milde-Benefiz-Turm 16 Meter hoch. Sozusagen das Außenskelett sind Bühnenträger: jeweils drei Aluminiumrohre, die durch Streben stabil verbunden sind und trotzdem filigran wirken. Dort, wo sich die Form des Turms jeweils ändert und beispielsweise vom Viereck zum Achteck wird, werden Platten eingezogen.
Die genauen Seitenlinien bilden zwischen den Platten gespannte Stahlseile ab. Für den Turmhelm samt der Spitze laufen die Seile oben zusammen.
In der Animation wirkt Mildes Turm wie entkernt oder ein in Säure gelegtes Baumblatt, von dem nur die Ränder der Zellen stehen bleiben. Seine Intention ist es nicht, die Gotik oder die Höhe des Turms zu verherrlichen. Er will dem Turm „ein Gesicht geben“. Oder besser gesagt: viele Gesichter. Denn an den Stahlseilen will er Plexiglaswürfel befestigen, die die Gesichter von Menschen tragen.
Hier kommen die Ulmer und Um-Ulmer ins Spiel, weshalb das Projekt den Titel „Wir sind Münsterturm“ trägt. Sie können die Würfel, die eine Kantenlänge von sieben Zentimetern haben, mit ihren Konterfeis belegen. Nach einem Standard: Auf einer Seite steht ein verfremdetes schwarz-weißes Porträt, auf einer zweiten die Inschrift „Wir sind Münsterturm 2015“. Die anderen beiden Längs-Seiten bleiben milchigweiß-leer.
Die Belegung eines Würfels kostet zehn Euro, von der Summe leitet Milde 1,61 Euro ans Münster weiter, um den Unterhalt des Bauwerks zu unterstützen. Mit dem Rest bestreitet er seine Kosten, denn das Benefiz-Projekt finanziert er ohne öffentliche Zuschüsse. Für jeden Würfel händigt Ralf Milde ein durchlaufend nummeriertes Zertifikat aus, als Urkunde für den Paten.
Milde bearbeitet die Fotos, dann werden sie auf Folie gedruckt, damit die Würfel witterungsbeständig sind. Der 61-Jährige hat eine spezielle Falttechnik ausgetüftelt, so dass er die Kuben direkt an den Seilen festklemmen kann.

Bis zu 30.000 Würfel könnte Milde in seinem „Wir sind Münsterturm“-Projekt unterbringen. Bei etwa 5000 kommt er „mit einer Null raus“, sagt er zu seiner Kalkulation. Sein persönliches Ziel sind 12.000 Kuben: „Dann hätten wir zehn Prozent der Ulmer Bevölkerung auf unserem Turm – und knapp 20.000 Euro fürs Münster zusammen. Ich weiß schon, dass das sportlich ist.“
Er hofft, dass die Leute mitziehen: Egal ob als Einzelpersonen, Familien, Vereine oder Betriebe. „Es ist beispielsweise denkbar, dass eine Firma sagt: Ich nehme für jeden meiner Mitarbeiter einen.“ Und es dürfen Lebende wie Verstorbene ihre Gesichter geben, „halt die Menschen, die uns ganz persönlich bewegen“. Milde, seines Zeichens auch Stadtrat der FDP, ist von seinem Projekt überzeugt: „Ich glaube, dass das funktioniert.“ So wie im Jahr 2001 bei seiner Spatzeninvasion.

Anfangen mit dem Aufbau des „Wir sind Münsterturm“-Rahmens will Milde Anfang August. Den Judenhof vor seinem Büro findet der gelernte Theatermann als „geschützten Platz“ gut geeignet für sein Jubiläums-Projekt. „Weil man von hier aus eine gute Perspektive aufs Münster hat.“ Das gotische Gotteshaus ragt mit allen drei Türmen hoch über den Häusern auf, die den Judenhof säumen.
Am Schluss, wenn der Benefiz-Turm am Jahresende wieder abgebaut wird, bekommt jeder seinen Würfel zurück – als persönliches Andenken.

Info Eine Animation und ein Video zum Benefiz-Turm-Kunst-Projekt findet sich auf der Internet-Homepage wir-sind-muensterturm.de
Ralf Milde ist mit seinem Kulturconsulting am Judenhof 7 erreichbar und unter Tel. (0171) 344 05 21.

Münsterturm: Neues Kunst-Projekt

Auf dem Judenhof wird der Münsterturm im Maßstab 1:10 und verfremdet von Ralf Milde nachgebaut. Der setzt bei seiner neuen Kunst- und Benefiz-Aktion darauf, dass die Ulmer dafür ihre Konterfeis geben.

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Text und Bild: Südwest Presse Ulm
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